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Werden die Verkäufe des Brotes wohl einen Raketenstart hinlegen?

Die Schülerinnen und Schüler der Schulkooperative Biel pauken nicht nur Formeln und Vokabeln – sie haben für ein Projekt ein Stück Sauerteig ins All geschickt. Das daraus entstandene Brot kann in Twann gekauft werden.

Was nach Science-Fiction klingt, ist Schulalltag in Biel. Die christliche Privatschule Schulkooperative Biel hat sich an einem internationalen Weltraumprojekt beteiligt – gemeinsam mit anderen Schulen weltweit. Das Ziel: ein wissenschaftliches Experiment auf der Internationalen Raumstation ISS. Die Hauptrolle spielte dabei ein unscheinbarer, aber bedeutender Protagonist: ein Sauerteig.

Um zu verstehen warum, müssen wir zurückblicken. Ganz weit zurück. Denn als Inspiration diente die Geschichte des Abendmahls: «Wir wollten den Gedanken des Brot-Teilens global denken», sagt Lehrerin Seraina Hofstetter. Man habe sich gefragt, was man im Sinne des Teilens hoch ins All schicken könnte. Chips oder Gummibärchen seien zu banal gewesen. Also: Sauerteig. Denn den müsse man pflegen, füttern – und teilen könne man ihn auch. «Und Brot steht irgendwie für alles.»

Wissenschaft aus Schülerhand

Wie genau der Teig den Weg in eine Nasa-Raumkapsel gefunden hat, ist ein Mix aus
Zufall, Vitamin B und transatlantischem Gottesvertrauen. Ein Theologe aus dem Schulteam hatte Kontakt zu einer US-Welt-
rauminitiative. Und plötzlich waren die Siebt- bis Neuntklässler des Freifachs Space mitten in einem wissenschaftlichen Experiment gelandet. Insgesamt nahmen 14 Schülergruppen aus aller Welt am Nasa-Partnerprojekt teil – aber nur eine davon kam aus Europa: die Schulkooperative Biel. Mit an Bord: ein Arduinogesteuertes Mini-Labor, mit dem Sauerteig in einer Box verpackt, etwa so gross wie eine typische Znünibox. Diese wird künftig übrigens in der Raumfahrtausstellung des Verkehrshauses Luzern zu sehen sein.

Arduino, das ist eine Art einfacher Computer. «Mit dieser Technologie können Kinder schon einfache Dinge programmieren, zum Beispiel automatische Tore für Hühnerställe», sagt Hofstetter. Es sei zentral, dass bei einem solchen Experiment die Technik funktioniere. Denn: Die Astronautinnen und Astronauten auf der ISS sollen das Experiment lediglich in der Raumstation einstecken können und dann müsse es von alleine funktionieren. «Das Experiment muss selbstständig starten können und alles, was passiert, muss automatisch überwacht werden.» Zudem müsse das Experiment gefilmt und mit Sensoren überwacht werden ebenfalls alles automatisch und selbstständig durch den von den Schülerinnen und Schülern ent-
wickelten Code.

Houston, wir habenein «Brotlem»

Leider habe das mit dem Automatismus aber nicht geklappt: Bei diesem ersten Versuch ist die Elektronik nicht angesprun-
gen: «Es gab sehr wahrscheinlich einen Wackelkontakt.» Also musste das ursprüngliche Ziel, den Sauerteig direkt auf der ISS zu vermehren, verworfen werden. «Aber immerhin ist er nicht verschimmelt», sagt Hofstetter.

Das Ziel sei aber ohnehin nicht gewesen, das Geheimnis interstellarer Mikroben zu lüften. Sondern: Die Schülerinnen und Schüler sollten etwas lernen. Elektronik, Programmieren, Projektmanagement. Und
zwar nicht im Frontalunterricht, sondern beim Bauen, Tüfteln, Scheitern. Es gehe darum, die Jugendlichen für Naturwissen-
schaften und Technik zu begeistern – und das möglichst früh und möglichst konkret. «Wir haben nicht nur Religionsunterricht, sondern auch eine starke naturwissenschaftliche Ausrichtung», sagt Hofstetter. Die Kombination aus Glaube und Wissenschaft sei für sie kein Widerspruch, sondern eine Ergänzung. Man wolle zeigen, dass auch an einer christlichen Schule geforscht, programmiert und gelötet werde.

Am Ende entstanden im Rahmen des Gesamtprojektes Space verschiedene Projektteams – ein Ingenieurteam, eines fürs Programmieren und eines für die Vermarktung. Finanziert wurden die Kosten von rund 35’000 Franken durch einen anonymen Spender. Ebenfalls involviert ist Claude Nicollier. Der Schweizer Astronaut begleitet das Projekt als eine Art Schirmherr. Und es gibt einen OnlineShop für Werbeartikel zu den Experimenten – den Moonlight Market, also den MondlichtMarkt.

Vom Orbit in den Ofen

Nach dem gescheiterten All-Experiment stellte sich die Frage: Was tun mit dem Sauerteig? Wegwerfen? In Ehren begraben? Oder eben: Verarbeiten und essen! Die Twanner Bäckerei Le Coin Quotidien erklärte sich bereit, den fermentierten Stargast weiterzuziehen. Ab sofort führt die Bäckerei also Brote im Sortiment, die aus dem ISS-Sauerteig vermehrt wurden.

Als Name wurde Galaxy-Brot gewählt – auch, weil es auf Deutsch und Französisch gleich klingt. «Spacebrot» klang den Schülerinnen und Schülern zu sehr nach Cannabis-Snack, «Astronautenbrot» war zu sperrig. Und «Moonlight» war schon für den Online-Shop vergeben. Ein zweiter Flug ist bereits geplant – diesmal mit Salzkrebsen. Man wolle herausfinden, wie diese ohne Schwerkraft schwimmen. Die Rakete sollte eigentlich im Juni starten, doch nach einem Schaden am Frachtmodul wird der Termin verschoben. Gestern wurden die kleinen Tierchen an die Nasa versendet.

Bleibt zu hoffen, dass diesmal alles funktioniert – und die Salzkrebse im All nicht einfach auf dem Trockenen sitzen.

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Bieler Tagblatt

Samstag 05.04.25

Artikle : Simon Leray
Bild : Dario Brönnimann